Kaum eine Branche labert sich gerade so euphorisch in die KI-Zukunft wie die Versicherungswirtschaft. Auf jeder Konferenz, in jedem Whitepaper, in jedem LinkedIn-Post: Vertrieb wird smarter, Betrieb wird schlanker, Schaden wird schneller. Alles wird besser, alles wird disruptiert, alles wird „end-to-end automatisiert“. Nur eine Frage stellt komischerweise niemand: Womit soll diese ganze Intelligenz eigentlich arbeiten?
Die Antwort ist so unspektakulär wie peinlich: mit GDV-Datensätzen aus einer Zeit, als Faxgeräte noch Innovation waren, und mit Kernsystemen, die seit Jahrzehnten verwaltet statt modernisiert werden. BiPRO, der Standard, der genau dieses Problem lösen sollte, feiert 2026 sein zwanzigjähriges Jubiläum. Zwanzig Jahre. Für einen Datenaustauschstandard, der bis heute nicht flächendeckend angekommen ist, sondern gemütlich in zwei Normgenerationen nebeneinander herdümpelt – RClassic und RNext –, wobei die ältere noch auf Jahre hinaus munter weiterläuft. Ganze Sparten haben schlicht keine BiPRO-Anbindung. Und die Anbieter, die Kernsystem-Modernisierung verkaufen wollen, formulieren ihre Werbebotschaften 2026 immer noch im Imperativ: „Warum Versicherer ihre Kernsysteme modernisieren müssen.“ Nicht „modernisiert haben“. Müssen. Nach zwanzig Jahren ist das kein Etappenziel mehr, das ist ein Offenbarungseid mit Glückwunschkarte.
Die Fassade und das Fahrgestell
Das Bild dafür ist eigentlich beleidigend einfach, aber genau deshalb treffend: Man schraubt die Karosserie und die Reifen eines Ferrari auf das Fahrgestell eines Trabbi – und ist dann ernsthaft überrascht, dass der Wagen am Ende trotzdem nur so schnell fährt, wie es der alte Zweitakter zulässt. Schöne Stoßstange. Bringt nur leider nichts, wenn unter der Haube ein Motor aus dem Kombinat werkelt.
Und das eigentliche Problem ist nicht mal nur der Antrieb, sondern das Nervensystem darunter: die Dateninfrastruktur. GDV-Sätze sind ein batchorientiertes, semantisch armes Austauschformat ohne durchgängige Objektmodellierung, ohne Echtzeitfähigkeit, ohne Prozesskontext. Eine KI, die darauf aufsetzt, bekommt bestenfalls aufgeräumte Strukturdaten zum Nachsortieren – nicht den Prozesszustand, die Historie oder den Kontext, den sie bräuchte, um wirklich etwas zu verstehen, statt nur hübsch formatierte Formulare auszuspucken.
Wo KI trotzdem funktioniert – und warum genau das die Show am Laufen hält
Ganz so, dass jedes KI-Projekt der Branche Theaterdonner ist, stimmt es auch wieder nicht. Ein gutes Stück der aktuellen Anwendungsfälle setzt bewusst oberhalb des Kernsystems an, als hübsche Assistenzschicht statt als Eingriff ins eigentliche Innenleben: Dokumente einlesen, Chatbots an der Pforte, Texterkennung bei Risikoanfragen, Mustererkennung bei Betrugsverdacht, KI-gestützte Auswertung von Schadenfotos. Diese Pilotprojekte sind echt, sie funktionieren, sie sparen Zeit. Genau deshalb klingt die Berichterstattung so überzeugend – die Erfolgsgeschichten stimmen ja, nur ist ihre Reichweite deutlich kleiner als das, was auf der Bühne verkauft wird.
Was eben nicht passiert: eine durchgängige, Ende-zu-Ende automatisierte Verarbeitung vom Antrag über die Bestandsführung bis zur Schadenregulierung in einem einzigen, KI-gesteuerten Fluss. Dafür müsste der Kern mitspielen. Und der Kern hat dazu, mit Verlaub, keinen Bock.
Das ist kein Technikproblem. Das ist Feigheit mit Excel-Tabelle
Die Technologie für eine echte Modernisierung liegt längst auf dem Tisch – API-first-Kernsysteme, Insurance-Cloud-Plattformen, schrittweise Migrationsansätze, die genau das Alles-oder-Nichts-Risiko klassischer Systemwechsel vermeiden sollen. Sie wird sogar aktiv beworben, mit Demoterminen und allem Drum und Dran. Das eigentliche Hindernis ist keine fehlende Lösung, sondern fehlender Mumm: Eine verkorkste Kernsystemmigration gefährdet Bestandsverträge, Reserven, Meldepflichten. Das ist teuer und riskant genug, dass viele Vorstände lieber noch zehn weitere Jahre mit Workarounds, Excel-Brücken und Outsourcing-Pflastern leben, als eine Migration zu wagen, die im schlimmsten Fall den eigenen Kopf kostet.
Übersetzt heißt das: Es ist keine Fähigkeitslücke. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Transformation nicht zu gehen – während man auf jeder Bühne so tut, als stünde man schon mittendrin.
Fazit
KI kann der Branche heute schon helfen – an den Rändern, in der Kommunikation, bei der Vorsortierung von Daten und Dokumenten. Was sie nicht kann: die Branche transformieren, solange das, worauf sie aufsetzt, ein Datenformat aus dem letzten Jahrtausend und ein Standard ist, der nach zwanzig Jahren immer noch nicht flächendeckend angekommen ist. Bis das Fahrgestell erneuert wird, bleibt es bei der schnittigen Karosserie auf lahmem Antrieb. Schnell aussehen und schnell fahren sind eben zwei verschiedene Disziplinen – und die Versicherungsbranche hat sich bislang nur für die Photoshop-Version entschieden.



















